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Jun 14 2011

Von Zeitfenstern und heißer Schokolade – oder: Das Mittelalter lebt!

Eine Zeitreise, die ist lustig ...

Eine Zeitreise, die ist lustig ...

Jüngst las ich in einem Buch mit dem Titel Hot Chocolate For The Mystical Soul mehrere Geschichten, deren Verfasser davon berichten, durch eine Art Zeitfenster gegangen zu sein oder zumindest einen Blick hindurch auf längst vergangene Epochen geworfen zu haben. Für jemanden, der von Kindesbeinen an von Star Trek über die Gefahren und Vorzüge von Paralleluniversen aufgeklärt worden ist, sind solche Erkenntnisse nicht wirklich aufsehenerregend – vielmehr ein amüsanter Zeitvertreib. Doch vor Kurzem begab es sich, dass ich mich selbst in einem solchen Fenster wähnte – und zwar, als ich an einem regnerischen Tag in meinem Auto auf einem Parkplatz wartete. Ich blickte auf einen Supermarkt und beobachtete die Menschen, die mit verdrossenen Gesichtern ihre Einkaufswagen durch den Regen schoben. Als mir das langweilig geworden war, richtete ich meine Aufmerksamkeit auf die nahe gelegene KfZ-Werkstatt. Wie beiläufig streifte mein Blick dabei den Rückspiegel meines Wagens und ich glaubte für einen Moment, spiegelverkehrt die Worte Mittelalter gelesen zu haben. Amüsiert drehte ich mich um, denn jetzt wollte ich unbedingt wissen, was es mit dem seltsamen Namen wohl auf sich haben mochte. Ich vermutete eine Lesefehlleistung nach dem Muster OPA-UROPA-EUROPA – welche Silbe hatte ich wohl überlesen? Doch nein. Da stand in großen Lettern: Mittelalterliche Gewand-Schneiderey.
Meine Neugierde war geweckt, und wie es sich für einen waschechten PR-Indianer gehört, war es dann nur noch eine Frage der Zeit, bis ich mit der Inhaberin und Gewandmeisterin Ute Benne ein Interview führte. Natürlich nicht, ohne mich zuvor eingehend mit den wundervollen Gewändern in ihrem Ladengeschäft, in welchem sich gleichzeitig auch die Schneiderei befindet, vertraut gemacht zu haben. Ich durfte sogar in eines der Prunkgewänder schlüpfen und kann nur so viel verraten: Es ist tatsächlich so ein Gefühl wie in dem Kinofilm Plötzlich Prinzessin – und unbedingt empfehlenswert!

 

1. PR-Indianer: Frau Benne, Sie sind Inhaberin und Gewandmeisterin der Mittelalter-Schneiderei in Goslar. Seit wie vielen Jahren üben Sie diese Tätigkeit aus?
Ute Benne: Angefangen habe ich vor etwa sieben Jahren mit dem Verkauf von mittelalterlichen Gewändern auf einer bekannten Internetauktionsplattform.

2. PR-Indianer: Beschreiben Sie doch kurz einmal die Produktpalette, die Sie anbieten.
Ute Benne: Wir bieten maßgeschneiderte Kleider für Damen und Mädchen, Gewandungen für Herren und Jungen an. Ergänzend dazu finden Sie bei uns auch Zubehör wie Hemden, Hosen und Gürtel.

3. PR-Indianer: Was ist das Besondere an den Gewändern, die man bei Ihnen kaufen kann?
Ute Benne: Uns kann keine Sondergröße schrecken – egal, ob jemand sehr zierlich oder eher kräftig gebaut ist. Besonders große Frauen lassen sich gern bei uns einkleiden. Darüber hinaus legen wir besonderen Wert darauf, die Gewandungen von Partnern bzw. Festgemeinschaften aufeinander abzustimmen, sodass ein schönes, einheitliches Ganzes entsteht.

4. PR-Indianer: Aus welchen Materialien bestehen die von Ihnen geschneiderten Gewänder hauptsächlich?
Ute Benne: Wir verarbeiten Baumwolle und Leinen, sowie – besonders für Karnevalskostüme – Mischgewebe und Polyesterstoffe.

5. PR-Indianer: Was sollte man gelernt bzw. studiert haben, um Gewandschneiderin werden zu können?
Ute Benne: Voraussetzung für diesen Beruf ist eine Lehre als Schneiderin – bei mir war es die Ausbildung zur Herrenmaßschneiderin. Nach der Lehre habe ich Modedesign und Schnittkonstruktion studiert und viele Jahre in diesem Beruf gearbeitet.

6. PR-Indianer: Woher nehmen Sie die Inspirationen für Ihre Traumgewänder?
Ute Benne: Hauptsächlich aus Kostümkundebüchern, aber auch aus Märchen- bzw. historischen Filmen. Alte Gemälde sind ebenfalls eine Quelle der Inspiration für mich.

7. PR-Indianer: Haben Sie einen liebsten Mittelalterroman und/oder Mittelalterfilm?
Ute Benne: Mein liebster Mittelalterroman ist „Die Säulen der Erde“, mein liebster Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“.

8. PR-Indianer: Was gibt es Interessantes über Ihre Studienzeit berichten?
Ute Benne: Das war eine sehr kreative Zeit – logisch bei dieser Studienrichtung. Aber wichtig war vor allem, diese kreativen Ideen so umzusetzen, dass sie auch produziert werden können.
Schon beim „Erspinnen“ der Idee muss man überlegen, ob sie schnitt- und materialtechnisch durchführbar ist – wie fällt ein Stoff, wo kommen Verschlüsse, Abnäher usw. hin, wie kann das Teil in großen Größen aussehen, wie verändern sich die Proportionen und so weiter.

9. PR-Indianer: Woher stammt Ihre Begeisterung fürs Mittelalter?
Ute Benne: Das war eher Zufall und hat sich aus der Begeisterung für alte Kräuterheilkunde entwickelt.

10. PR-Indianer: Wie sind Sie darauf gekommen, mittelalterliche Gewänder zu entwerfen und zu schneidern und sie schließlich auch über das Internet zu vertreiben?
Ute Benne: Vor ca. acht Jahren haben meine Schwester und ich auf Mittelaltermärkten Kräuter und Kunsthandwerk verkauft – damals unter dem Namen „Kraut & Leder“, zünftig in einem mittelalterlichen Zelt.
In der Winterpause wollte ich nicht untätig herum sitzen und habe begonnen, Marktbekleidung für uns zu nähen. Einiges davon landete bei besagter Internetauktionsplattform und fand einen so reißenden Absatz, dass sich der Schwerpunkt dann nach und nach dorthin verlagerte. Sehr schnell war dann die Idee geboren, einen Onlineshop aufzubauen.

11. PR-Indianer: Wer sind Ihre Kunden?
Ute Benne: Jeder, der auf Mittelaltermärkte gehen oder entsprechend gewandet heiraten möchte. Außerdem Laienschauspieler, Musikerinnen oder Rollenspieler.

12. PR-Indianer: Sie schneidern neben Hochzeitsgewandungen unter anderem ja auch Kostüme für Schauspielhäuser. Für welche haben Sie das schon getan? Haben Sie schon einmal eine Aufführung gesehen, in der von Ihnen gefertigte Gewänder getragen worden sind?
Ute Benne: Wir haben außer für diverse Laienspielgruppen – unter anderem auch für „Dinnerkrimi“ – gefertigt. Das ist eine Theatergruppe, die landesweit auftritt. Leider habe ich meine Kostüme noch nicht während eines Auftritts erleben können, werde das aber bestimmt noch nachholen.

13. PR-Indianer: Wie erklären Sie sich die wachsende Begeisterung für das Mittelalter? Warum erfreuen sich mittelalterliche Märkte, Musikgruppen und Kleidungsstücke Ihrer Meinung nach immer größerer Beliebtheit?
Ute Benne: Vielleicht weil immer mehr Menschen sich danach sehnen, der fortwährend schnellerlebigen und technisierteren (was für ein furchtbares Wort) Zeit zu entfliehen. Oder weil sie einfach etwas näher an der Natur sein wollen – wozu Grillen am Feuer, Musizieren beim Fackelschein und dergleichen gehört.

14. PR-Indianer: Apropos Musik – stimmt es, dass Sie mit einer englischen Musikgruppe kooperieren, die sich auf mittelalterliche Musik spezialisiert hat?
Ute Benne: Ja, diese Gruppe heißt PIVA und führt mittelalterliche – genauer gesagt: Renaissance-Musik – auf. Die Musiker bauen sogar nach historischen Vorlagen ihre Instrumente selbst.

15. PR-Indianer: Wie sind Sie aufeinander aufmerksam geworden? Kennen Sie die Musiker persönlich?
Ute Benne: Inzwischen kennen wir die Musiker persönlich – nachdem uns ein mittelalterbegeisterter Herr aus Osterwieck miteinander bekannt gemacht hat. Dieser organisiert zahlreiche Veranstaltungen in dieser Richtung, besonders hier in unserer Region.

16. PR-Indianer: Sind die Gewänder aus Ihrem Haus frei entworfen oder an historische Vorlagen angelehnt?
Ute Benne: Sowohl als auch – besonders Fantasyromane wie „Der Herr der Ringe“ haben bei vielen Schnitten Pate gestanden.

17. PR-Indianer: Was für Stoffe hat man im Mittelalter für Gewänder verwendet? Was für Farben? Was für Schnitte?
Ute Benne: Im Mittelalter wurde hauptsächlich Leinen verwendet, für wohlhabene Herrschaften auch Seide und Brokat, speziell aus dem Orient.
Gedeckte Farben wurden vom einfachen Volk getragen. Die auffälligen – und schwer herzustellenden – kräftigen Farben blieben dem Adel und der Kirche vorbehalten.

18. PR-Indianer: Hatten Sie in Ihrer Kindheit Berührungspunkte mit dem Mittelalter?
Ute Benne: Grimms Märchen haben mich immer sehr beeindruckt, von daher denke ich, diese Frage mit Ja beantworten zu können, wenn man bedenkt, wie viele historische Erzählmotive sich in diesem Erzählgut verbergen.

19. PR-Indianer: Gibt es eine Geschichte eines Helden/einer Heldin, die Sie schon immer besonders berührt hat?
Ute Benne: Besonders durchsetzungsstarke Frauen haben mich schon immer fasziniert – Frauen, die sich nicht um gesellschaftliche Vorgaben kümmern und sich darüber hinwegsetzen. Die Geschichte der Päpstin finde ich beispielsweise überaus spannend.

20. PR-Indianer: Haben Sie als Kind manchmal davon geträumt, wie eine Prinzessin gekleidet zu sein?
Ute Benne: Nein, gar nicht :-)

21. PR-Indianer: Haben Sie ein liebstes mittelalterliches Gericht?
Ute Benne: Antwort: Mir fällt spontan ein leckeres Essen ein, das ich in einem entsprechendem Restaurant gegessen habe: Spätzle mit eine Soße, die mit Honig und Malzbier gewürzt war – dazu Gemüse und ein Becher Met. Lecker!

22. PR-Indianer: Wie seht Ihre Familie zu Ihrer Leidenschaft für das Mittelalter?
Ute Benne: Teilweise arbeitet sie mit – mein Mann ist für den Onlineshop zuständig. Und alle anderen wundern sich darüber, wie weit diese Leidenschaft verbreitet ist.

23. PR-Indianer: Wenn Sie die Wahl hätten, würden Sie dem Mittelalter gerne einen längeren Besuch abstatten? Falls ja, wann und wo und mit wem würden Sie sich gerne unterhalten?
Ute Benne: Da ich gerade das Buch „Ein Yankee an König Artus´ Hof“ von Mark Twain lese, denke ich darüber lieber nicht ernsthaft nach ;-) Ich würde wahrscheinlich auch versuchen, jede Menge Neuerungen einzuführen.

24. PR-Indianer: Sie stellen ja auch mittelalterliche Gewandungen her, die als Kombipartner durchaus alltagstauglich sind. Würden Sie sagen, das Mittelalter sei “jeansfähig” geworden?
Ute Benne: Kann man so sagen. Speziell lange Mäntel mit Elfenärmeln und langer Zipfelkapuze sind inzwischen vollkommen alltagstauglich.

25. PR-Indianer: Frauen haben lange erbittert um das Privileg streiten müssen, Hosen tragen zu dürfen – denken wir nur an die eigenwillige französische Schriftstellerin George Sand. Was macht Ihrer Meinung den Reiz für Frauen aus, in üppigen Stoffen schwelgen und sich selbst in einem erlesenem Kleid bewundern zu dürfen?
Ute Benne: Vielleicht wirklich der Wunsch, einmal im Leben eine Prinzessin zu sein?

26. PR-Indianer: Wovon träumen Sie?
Ute Benne: Ich habe viele Träume – die haben aber nix mit dem Mittelalter zu tun ;-)

PR-Indianer: Liebe Frau Benne, wir bedanken uns für dieses interessante Interview und wünschen Ihnen – ganz in indianischer Manier, versteht sich – neben einer Weisheit der Hopi weiterhin viel Erfolg und Freude mit Ihrem wunderbaren Handwerk: “Alles was einmal war, ist immer noch, nur in einer anderen Form.”

Wer jetzt Lust bekommen hat auf die mittelalterlichen Traumgewänder, erfährt mehr unter http://www.larpschneiderey.de oder http://www.mittelalter-schneiderei.de. Unter der Rubrik Kostümkunde findet sich allerhand Wissenswertes zur Bekleidung von 1100 bis 1500. Übrigens: Auch das Fernsehen aufmerksam geworden auf diesen außergewöhnlichen Handwerksbetrieb in der Kaiserstadt am Randharz. So besuchte Anfang dieses Jahres das Team von DAS!reist die mittelalterliche Gewandschneiderei und hatte offensichtlich sehr viel Spaß bei den Dreharbeiten – wie Fotos und Film unter http://www.larpschneiderey.de/ndr.php eindeutig belegen! Wer also Goslar einen Besuch abstattet und glaubt, einem der eingangs erwähnten Zeitfenster auf die Spur gekommen zu sein, der steht möglicherweise vor den Schaufenstern der Mittelalterschneiderei von Ute Benne …
[Nachtrag: In Frau Bennes Familie scheint die Liebe zu historischen Gewandungen übrigens schon immer ein Thema gewesen zu sein. Die obige Aufnahme stammt nämlich aus dem Jahr 1900 und zeigt unter anderem einen Ahnen der Gewandmeisterin!]

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