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Mai 10 2010

Im Dschungel von Gabun – Abenteuer ist sein Job

Gabuns Dschungel aus der Luft in Richtung Rabi

Dabei hat Jörg Lück weder Archäologie studiert noch ist er im Besitz einer Kopfbedeckung der Marke Mayser, wie sie der legendäre Indiana Jones zu tragen pflegt – aber auch ein Diplom-Geologe kann auf der Suche nach dem schwarzen Gold Filmreifes erleben – wie wir spätestens seit unserem Interview wissen (/index_p_748.html).

Der Energiebedarf unserer modernen Zivilisation ist nach wie vor ungebrochen – und somit auch Öl ein begehrter Rohstoff. Gewonnen wird er unter anderem auf Ölplattformen, die spätestens seit den tragischen Vorkommnissen auf der Deepwater Horizon im Golf von Mexiko wieder einmal zu einem medienbeherrschenden Thema geworden sind. Doch wer sind die Menschen, die unter extremen Bedingungen dafür sorgen, dass Öl gefördert werden kann, und was erleben sie bei ihrer Arbeit fern der Heimat? Wenden wir uns einmal von der Offshoreförderung einer Landbohrung zu, bei der Jörg Lück mitgearbeitet hat. Gabun liegt in Zentralafrika, und die dort heimische Fauna hat so gar nichts mit der unseren gemeinsam. Da kann es schon mal zu ungewöhnlichen Zwischenfällen kommen und eine geplante Fotosafari zu einem Sprint ums Überleben ausarten – doch lassen wir Jörg selbst zu Wort kommen …

“Im Dschungel von Gabun” (von Jörg Lück)

Nicht immer musste oder besser gesagt muss ich auf Offshore-Bohranlagen wie Jack-ups oder Platforms arbeiten, sondern hin und wieder ergibt es sich, dass ich auch auf Landjobs zum Einsatz komme.

So hatte meine Firma vor einigen Jahren im Ölfeld Rabi im gabunesischen Dschungel den Zuschlag von Shell bekommen, dort an einem Bohrprojekt mitzuarbeiten. Dort sollten mehrere bestehende Bohrungen neu abgelenkt werden, da sich aufgrund der jahrelangen Förderung der Öl/Wasser-Kontakt abgesenkt hatte und die Ölquellen zu verwässern drohten.

So bin ich mit drei weiteren Kollegen, sozusagen als Vorhut, in den Dschungel geflogen, um unsere Arbeit vorzubereiten und zu organisieren, sowie einen generellen Überblick zu bekommen. Von Port Gentil ging es mit einem Charterflug direkt in den Dschungel. Es hatte schon etwas Abenteuerliches an sich, wenn man über den endlos erscheinenden Wald fliegt und plötzlich, wie aus dem Nichts, die kurze Landebahn erscheint. Immerhin war der Pilot die Strecke anscheinend schon häufiger geflogen, und der Buschflieger landete die Dash-8 ohne Probleme.

Nach der Gepäckkontrolle wurden wir durch die Mühlen von Shell geschleust, mit Einführung, Kurzlehrgang, Fototermin für die Badge – das ist der Dienstausweis, den man immer bei sich zu führen hatte –  und so weiter. Während der Unterweisungen wurden wir auch ermahnt, nach Einbruch der Dunkelheit unser Camp, welches für die nächsten vier Wochen unser Zuhause sein sollte, nicht zu verlassen – zumindest nicht, wenn es nicht unbedingt notwendig war. Es sei einfach zu gefährlich, so sagte man, denn trotz Schotterpisten und Verkehrslärm sowie dem Dröhnen der permanent brennenden Gasfackeln, kam es immer wieder vor, dass die Bewohner des Urwaldes „nach dem Rechten sahen“.

Wir bezogen unserer Zimmer im Camp, obwohl von Zimmern eigentlich nicht die Rede sein konnte. Man hatte die vormals recht geräumigen „Stuben” in der Holzbaracke so unterteilt, dass jedes Zimmer anstatt zu viert nun zu zweit belegt werden konnte. Das war schon ein Luxus, denn normalerweise war es – zumindest in Afrika – so üblich, dass wir mit 4-Mann-Kabinen vorlieb nehmen mussten. Also verstauten wir unser Gepäck so, dass wir nicht ständig darüber stolperten, denn auch die Schränke waren einfach zu klein. Unter dem Doppelbett wollte ich lieber nicht nachsehen, geschweige denn etwas verstauen, denn wer wusste, was für Getier (Insekten, Riesenspinnen, Gottesanbeterinnen oder noch Schlimmeres) dort auf mich wartete.

Unser Camp, das den Namen “Mboka Camp” trug, hatte eine eigene Bar. Wir schwärmten aus, um sie zu suchen und waren erstaunt, wie viele Filipinos sich auf dem Gelände aufhielten. Die Firma Mott McDonald hatte dort im gabunesischen Dschungel einen Großauftrag and Land gezogen. Es handelte sich um eine groß angelegte Pipelineerweiterung, und so teilten wir uns mit den Jungs von der Bohrfirma OD&E aus Australien sowie den Billigarbeitskräften aus Fernost das Camp. Schlagartig fiel mir der Film “The Great Escape” (Gesprengte Ketten) ein.

Es war wirklich wie in einem Kriegsgefangenenlager. Überall bildeten sich kleine Grüppchen von Leuten, man rauchte, redete und langweilte sich und das in der den Südostasiaten typischen Hocke. Unwillkürlich hielt ich in der Ferne nach den Wachtürmen Ausschau, als Graham, einer meiner Kollegen, mich aus der Träumerei riss: „Lass uns mal was essen”, meinte er. „Ich weiß, wo die Kantine ist”. Die war auch wahrlich nicht schwer zu finden, denn die Schlange der Wartenden reichte bis zur Ausgangstür und noch etwas weiter.

Es ist für einen Offshore-verwöhnten Mann fast undenkbar, für Essen anzustehen, denn der murrt schon, wenn er sich in der schönen und übersichtlichen Galley einer Bohrinsel hinter einem oder zwei anderen Mitstreitern anzustellen hat. Wir taten es dennoch und reihten uns in die Schlange der ca. 50 bis 60 Wartenden ein, und wir sollten uns auch in der nächsten Zeit daran gewöhnen. Zum Essen gab es Rot- oder Weißwein, der, wie es ein Kollege beschrieb und frei übersetzte, “rau wie ein Rattenarsch” schmeckte. Wer weiß, wo er diese Beschreibung her hatte, aber ich kann sagen, dass der Wein wirklich sehr gewöhnungsbedürftig war. Uns war es aber egal, und nach dem Essen gingen wir in die Bar und freuten uns auf ein kühles Bier.

Dort gab es große und kalte Biere für den sprichwörtlichen “Appel und‘n Ei” und man konnte an einigen, nicht nur von der Sonne geröteten Gesichtern erkennen, wer sich schon länger oder zumindest regelmäßig hier in der M’Boka-Bar aufhielt. Ich kam mir vor wie in einem alten Film mit Fremdenlegionären und alten Haudegen.

“Ich kann Deutsch”, sprach mich einer der Mott McDonald Leute an. Allerdings habe ich mich fast schlapp gelacht, als er mir seine, aus zwei Wörtern bestehenden Deutschkenntnisse präsentierte. Sie bestanden nämlich aus Hamster und Schraubenzieher. Diesem unumstrittenen Sprachtalent  musste ich natürlich einen ausgeben. In der unvermeidlichen Glotze lief englischer Premiership-Fußball, und die Musik entstammte einer verstaubten Juke Box aus den Achtzigern, aber Spaß hatten wir, wie man sich sicher vorstellen kann, reichlich.

Nach einer knappen Stunde verschwanden wir aus der Bar und gingen zurück zu unserer Behausung. Morgen sollten wir unsere Pickup-Trucks abholen und die Unit (das ist der Arbeitscontainer) auf der Bohrstelle einrichten.

Am nächsten Morgen war das Camp wie leergefegt. Die Filipinos waren schon in aller Herrgottsfrühe aufgebrochen, und wir genossen ein ruhiges Frühstück, ohne vorher lange anstehen zu müssen. Danach holten wir unsere Fahrzeuge und nutzten die Zeit – der Bohrplatz war noch nicht fertig aufgebaut – um die Umgebung zu erkunden.

Shell erlaubte auf ihrem Gelände eine Höchstgeschwindigkeit von 40 Stundenkilometern, und sobald man diese Geschwindigkeit überschritt, schrillte ein durchdringender Piepton, um den Fahrer darauf aufmerksam zu machen, dass er zu schnell war.

Wir fuhren kreuz und quer durch den Dschungel auf provisorisch präparierten Lateritpisten. Es herrschte Trockenzeit und es war heiß und staubig.

“Wo sind denn nun all die Dschungelbewohner?”, fragte mein Kollege, denn weit und breit war von Tieren nichts zu sehen. Nach drei Stunden Fahrerei hatten wir genug und fuhren zurück zum Bohrplatz. Dort konnten wir endlich unser Equipment durchchecken, die notwendigen Kabel für unserer Sensoren ziehen und auch die Sensoren selbst installieren. Tom war abgestellt, die Halliburton Satellitenschüssel aufzubauen und einzurichten. Schließlich wollten wir alle mal telefonieren, und ich wollte wissen, wie Hannover 96 gespielt hatte.

Mein Arbeitsplatz in Rabi

Am Abend waren wir dann fast soweit fertig. Die Satellitenschüssel war aufgebaut, die Sensoren funktionierten und am kommenden Tag konnte ich meine Logging Tools testen.

Ich hatte während meines 12-stündigen Arbeitstages immer mal wieder einige Stunden Zeit und erkundete den Dschungel auf eigene Faust mit dem Pickup-Truck. Eines Nachmittags sah ich dann in einem, zurzeit ausgetrockneten, Flussbett eine Elefantenherde. Es handelte sich um mehrere Kühe mit ihren Kälbern, insgesamt ca. zehn Tiere. Zum Glück hatte ich meinen Fotoapparat immer griffbereit und kletterte aus dem Truck. Die Tür ließ ich offen und den Motor laufen – man kann ja nie wissen.

Langsam pirschte ich mich an die Herde heran. Plötzlich sah eine Elefantenkuh zu mir herüber und stellte drohend die Ohren auf und hob den Rüssel. Ich blieb wie angewurzelt stehen, denn ich wollte doch Bilder machen, war aber für ein gutes Foto noch zu weit entfernt, und mir war mulmig zumute. Als sich der Elefant beruhigt hatte, wagte ich mich ein paar weitere Schritte vor und endlich war ich in “Schussweite”.

Da erhob die mittlerweile richtig ärgerliche Elefantenkuh ihren Kopf, hob den Rüssel an und lief unter wütendem Trompeten auf mich zu – ich hatte sie unterschätzt. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal so schnell gelaufen bin, und ohne mich umzusehen, rannte ich los. Schnell in den Truck, dachte ich und bloß nicht umgucken. Ich habe mal gelesen, dass Elefanten ziemlich flink sein können. Mit gefühlten 10.0 sec./100 m erreichte ich den Pickup, stieg ein und knallte die Tür zu – der Elefant nur etwa 20 Meter von mir entfernt. Ich trat aufs Gas und scherte mich in diesem Moment nicht um das eindringliche Piepen, das mir sagte, dass ich zu schnell fuhr. Danach konnte ich noch einige Fotos machen und kehrte schließlich zur Bohrung zurück. Dort angekommen, erwähnte ich mein kleines Abenteuer natürlich mit keinem Wort, denn dann hätte ich garantiert einige Fragen beantworten müssen, die mir recht unangenehm gewesen wären.

In den nächsten Tagen sah ich mehrere Affenherden, ich glaube es handelte sich um eine Pavianart, mit gefährlich großen Zähnen, ein kleines Krokodil, welches über die Straße lief und ein paar sich durch das Unterholz schlängelnde grüne Mambas. Und eines frühen Morgens saß ein großer Gorilla auf dem Pipedeck – das ist der Platz, auf dem das Bohrgestänge gelagert wird.

“Guck mal Jörg”, scherzte Graham. “Dein neuer Trainee ist auch schon da.”

So hatten wir schließlich doch noch unsere Safari erlebt und einige Tiere des Dschungels gesehen, und ein paar Monate später, im Toucan Ölfeld, etwas nördlich von Rabi, sollte ich eines Morgens noch einen Leoparden in freier Wildbahn beobachten. Ich hatte mir damals eigentlich vorgenommen, den Rückweg von der Bohrung zum Camp zu joggen, jedoch änderte ich meinen Plan ganz schnell, als wir den Leo beim morgendlichen Frühstück störten.

Nach vier Wochen flog ich wieder über Port Gentil, Libreville und Paris nach Hannover zurück, und jedes Mal, wenn ich dort im Zoo mit meinen Jungs die Elefanten besuche, muss ich an mein Abenteuer im Dschungel von Gabun denken. Und manchmal, wenn ich einem der Dickhäuter in die Augen sehe, habe ich das Gefühl, er weiß von meinem Erlebnis mit seinen Verwandten im Dschungel von Gabun, damals im fernen Afrika.

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Ein Kommentar

Ein Kommentar to “Im Dschungel von Gabun – Abenteuer ist sein Job”

  1. [...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Ludger Brenner, Ute Launert erwähnt. Ute Launert sagte: Abenteuer in Dschungel von Gabun! http://www.pr-indianer.de/?p=840 [...]

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