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Mrz 18 2010

Polarwinter in Komi – Abenteuer ist sein Job

Dabei hat Jörg Lück weder Archäologie studiert noch ist er im Besitz einer Kopfbedeckung der Marke Mayser, wie sie der legendäre Indiana Jones zu tragen pflegt – aber auch ein Diplom-Geologe kann auf der Suche nach dem schwarzen Gold Filmreifes erleben – wie wir spätestens seit unserem Interview wissen (/index_p_748.html).

Der Winter hatte uns die letzten Monate selbst hier in Deutschland fest im Griff – kaum ein Jahr, in dem die ersten Schneeglöcken und Märzenbecher so sehnsüchtig erwartet wurden wie in diesem neuen Jahrzehnt. Doch Kälte und Schnee im Allgemeinen und  “Winter”  im Besonderen sind relative Begriffe. Was für uns schon der gefühlte Winterhorror war, entlockt einem Bewohner der Republik Komi in Russland vermutlich nur ein müdes Lächeln. Heute lassen wir Jörg Lück wieder selbst zu Wort kommen, wenn es darum geht, von seinen Erlebnissen als Service Engineer auf der weltweiten Jagd nach dem schwarzen Gold zu berichten. Lehnen wir uns also zurück und freuen uns, etwa 4500 Kilometer entfernt von diesem wirklich kalten Fleckchen Erde zu leben …

“Sperry-Sun-Adventure Tours”

oder:

Wie ich den Winter auf einer Erdölbohrung in Russland erlebte

(von Jörg Lück)

„Hi Jörg, wir brauchen hier eine Kopie von Deinem Reisepass, wenn es geht sofort.“ Am Telefon war Torben, mein Supervisor aus Dänemark. „Kein Problem „ erwiderte ich. „Ich scann ihn ein und schicke die Kopie per E-Mail“.  Wenig später erfuhr ich dann auch warum. Eigentlich sollte ich, wie normal, auf eine Bohrinsel in die Nordsee, aber kurzfristig musste ich dann nach, genau … nach Russland. Und zwar an den Polarkreis, in den Komi-Distrikt,  etwa 4500 Km von Hannover entfernt. Ich kaufte noch schnell einige warme Sachen, ich meine richtig warme, und zwei Tage später reiste ich ab.

Zuerst fuhr ich mit dem Zug nach Berlin, wo ich in der russischen Botschaft ein Visum kaufen musste. Die Einladung in das Riesenland hatte ich bereits am Vortag per Fax erhalten (dafür wurde meine Passkopie benötigt). Am späten Nachmittag flog ich mit der Aeroflot nach Moskau. Dort waren es bereits –2 Grad. Im Vergleich mit den 12 Grad Plus zu Hause schon ein Unterschied. Aber es sollte noch schlimmer kommen. Viel schlimmer. In Moskau übernachtete ich mit zwei anderen Kollegen im Novotel. Ein Hotel vom Allerfeinsten, was ich Moskau, bzw. Russland, gar nicht zugetraut hätte. Die Marktwirtschaft lässt sich eben nicht aufhalten.

Am nächsten Morgen wurden wir von einem Fahrer der Moskauer Firmenniederlassung abgeholt. Von ihm erfuhr ich dann auch gleich, dass für mich kein Flugticket vorliegt. Also musste ich schnell noch eins kaufen. Mit viel Palaver und einigem Hin und Her klappte es auch und ich war um 3000 Rubel ärmer. Zum Flieger (eine Tupolev 134) musste ich mit meinem Gepäck fast laufen, weil ich auf den allerletzten Drücker kam. Schliesslich saß ich in einem der „bequemen“ Klapp-Gartenstühle des antiquierten russischen Flugzeuges. Nach einer fast einstündigen Wartezeit hoben wir ab in Richtung Nord-Nordost.

Nach zweieinhalb Stunden Flugzeit landete das Flugzeug auf dem Airport von Usinsk. Es war eigentlich nur mehr ein Rollfeld als ein Flughafen. Das Abfertigungsgebäude hatte den Charme eines Vorstadtbahnhofs im Stil der 50er Jahre Die Außentemperatur betrug –17 Grad. Der Fahrer der kanadischen Ölfirma wartete im geheizten Bus, um uns zum Bahnhof zu fahren. Mittlerweile war es kurz nach 15:00 Uhr und stockdunkel.

Eine Zugfahrt in Russland ist ein Erlebnis ganz besonderer Art. Wer es jemals erlebt hat, weiß, wovon ich spreche. Alle anderen sollten sich dieses Erlebnis wirklich einmal antun. Nach einer guten Stunde Fahrzeit erreichten wir unser Ziel. Kein Bahnhof weit und breit. Der Zug hielt einfach mitten in der „Pampa“. Wir stiegen aus, und ich versank knietief im Schnee. Von Weitem sahen wir die Scheinwerfer des LKW, welcher uns vom Zug abholte. Nach 10 Minuten Fahrzeit auf festgefahrener Schneepiste waren wir da. Ich kam mir vor wie in einem Film. Ein Bohrturm ragte aus dem Nichts, in einer Art Klärteich wurde Gas abgefackelt. Überall Schwaden von Rauch. Die Unterkunft war nichts weiter als ein armseliger Bretterverhau. Glücklicherweise waren überall in den Räumen Elektroheizungen aufgestellt, denn mittlerweile betrug die Temperatur –32 Grad. Ich kam mir vor, als wäre ich gerade in einem der gefürchteten Gulags eingeliefert worden. Es war Freitag, der erste Dezember 2000. Zu Hause hat mein Sohn (der Große) vor einigen Stunden das erste Türchen seines Adventskalenders aufgemacht …

Wir checkten unser Equipment und stellten fest, dass genau die Tools, welche wir für den nächsten Bohrabschnitt benötigen, fehlten. Nach unzähligen Telefonaten, die mit Hilfe eines der Dolmetscher geführt wurden, erfuhren wir, wo sich die Ausrüstung befand. Auf einem Ölfeld, ca. 5 Stunden mit dem Zug südlich von unserer Bohrung. Ich sollte am nächsten Morgen früh um 6 mit dem Zug losfahren, die Ausrüstung begutachten und die fehlenden Teile verladen. Vorerst war nichts weiter zu tun und ich „freute“ mich schon riesig auf den nächsten Tag.

Am nächsten Morgen erfuhr ich, dass ich am Nachmittag mit dem Zug nach Petchora fahren würde, um einige Sonden mitzunehmen, sowie die benötigten Teile zu begleiten. Die Nachricht nahm ich erleichtert auf, zumal die Basis der Ölfirma ein eigenes „Hotel“ besitzt, indem sich auch eine Bar befinden sollte. Zunächst hieß es aber, Kabel verlegen. Am Vortag hatten wir Temperaturen von –32 Grad. Heute wurden noch einige draufgelegt. Bei Temperaturen von –42 Grad macht das Arbeiten an der Luft auch bei noch so guter Schutzkleidung keine richtige Freude.  Die Luft gefriert einem fast in der Nase und das Atmen schmerzt. Also machten wir alle 10-15 Minuten eine Pause. Schließlich war es geschafft. Jedenfalls für mich, denn es hieß Abfahrt zur Bahnstation. Mit zwei russischen Angestellten der Ölfirma ging ich auf Reisen in Richtung Petchora.

Der Zug war voll. Überall waren Menschen. Einige saßen zusammengekauert in der Ecke und schliefen, einige lagen auf den Pritschen über den Sitzplätzen, einige saßen und tranken Bier oder Wodka oder beides und einige aßen Abendbrot. Für meine verwöhnte westliche Nase waren all diese unterschiedlichen Aromen von altem Schweiß, Machhorkas und Knoblauch gewöhnungsbedürftig. Auf Verdacht hatte ich mir in Berlin noch eine Flasche Bourbon gekauft, die mich stets begleitete. Ein Kauf, den ich nicht nur in diesem Moment keine Sekunde bereute.

In Petchora wurde ich zum Camp gefahren, dem Stützpunkt der Ölfirma. Dort teilte man mir freudestrahlend mit, dass die benötigten Teile soeben auf „meiner“ Bohrung eingetroffen waren. „Hier im Camp sind noch vier Sonden, die kannst Du morgen früh mitnehmen. Wir treffen uns um 7 Uhr“, erfuhr ich von einem Mitarbeiter, der mich auch am nächsten Tag begleiten sollte. Ich ging in mein Zimmer und verabredete mich für später mit einem holländischen Techniker auf ein Bier in der „Bar“. Ich erzählte ihm von meinem Glück, dass ich diesen Trip im Grunde völlig umsonst gemacht hatte. Sein Kommentar sprach für sich: „Willkommen in Russland“. Mir fällt in diesem Zusammenhang ein Lied von Mike Krüger ein, in dem es darum geht, dass ein Truckfahrer 120 Schweine nach Beirut bringen sollte, mit all den damit verbundenen Strapazen. Dort angekommen erzählt man ihm … “Du solltest bringen Schafe, wir hier nix essen Schwein“. Die letzte Strophe lautet … “und ich weine fast vor Glück, Jetzt fahr‘ ich 120 Schweine auch zurück“.

Die folgende Nacht war mit –46 Grad die bislang kälteste. Auch im Zug war es lausig kalt, denn die Öfen waren noch nicht auf Touren. In den Waggons wird tatsächlich noch mit Kohle geheizt. Der Zug stand die ganze Nacht auf dem Gleis, und eingeheizt wurde erst kurz vor Abfahrt. Knapp drei Stunden später war ich wieder wohlbehalten auf der Bohrung angekommen. Die Motoren der Fahrzeuge, seien es LKW, Kleinbusse oder Raupen mit Schneeschiebern, waren jetzt Tag und Nacht am Laufen, damit sie nicht kaputtfroren. Auf den Sitzen durften sogar die Hunde, von denen hier eine ganze Menge herumliefen, liegen bleiben, um sich zu wärmen. Glücklicherweise kam ich pünktlich zur Mittagszeit. Es gab, und ich sollte lernen, dass es fast jeden Tag so sein sollte, Frikadellen mit Kohl. Am Nachmittag mussten wir noch einige Kabel verlegen, die Sonden testen und weitere Vorbereitungen treffen.

Kälte, schlechtes Material und noch mal Kälte sorgten dafür, dass sich auf der Bohrung so gut wie nichts oder nur sehr wenig tat. Die Pumpen rumänischer Bauart gaben regelmäßig den Geist auf, die Bohrspülung fror ein, oder es gab Probleme mit vereisten Aggregaten. Und damit begann für uns Service Engineers die Zeit des Wartens.

Nach vier langen Tagen und Nächten war es dann soweit. Wir konnten endlich das tun, wofür wir bezahlt wurden, nämlich weiterarbeiten. Eine Woche später war der Job erledigt und wir flogen nach Hause. So klappte es also doch mit Weihnachten bei der Familie. Angenehme Temperaturen von 2 Grad ließen den russischen Winter schnell vergessen. Und wenn Torben noch mal anruft und nach meiner Passkopie fragt … Russland, ich komme wieder.

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