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Jul 24 2009

Ich gehe nicht wählen!

Autor: Ludger Brenner. Abgelegt unter Virales Marketing

Virale Überraschungen

Virale Überraschungen

Seit einigen Tagen geistert ein virales Video durch das zumindest deutschsprachige Netz. In diesem verkünden echte und vermeintliche Promis, dass sie nicht zur Wahl gehen würden und fordern indirekt dazu auf, es ihnen gleich zu tun.
Hinter diesem Spot steht die Informations- und Kommunikationsplattform politik-digital.de und die Fernsehproduktions GmbH probono. politik-digital.de sieht sich selbst als: “[...] eine Informations- und Kom­munikations­plattform zum Thema “Internet und Politik”. Sie wird allein vom Verein pol-di.net betrieben, der die Unabhängigkeit gewährleistet.” Der Geschäftsführer von politik-digital.de Stefan Gehrke beschreibt die Intentionen der Plattform mit folgenden Worten:”pol-di.net ist eine Nichtregierungsorganisation neuer Ausprägung: Wir sind sowohl Anbieter marktorientierter Dienstleistungen als auch überparteilicher gemeinnütziger Akteur für glaubwürdigere politische Kommunikation im Internet.”

Hier beißen sich die Aussagen ein wenig. Zunächst wird von einer gewährleisteten Unabhängigkeit gesprochen und dann kann man lesen, dass man Anbieter marktorientierter Dienstleistungen sei.

Aber werfen wir zunächst einmal einen Blick auf das Video.

Hier haben sich die Macher …

… an dem amerikanischen Vorbild orientiert. (Das Original, ist am Ende des Beitrages zu finden.)

Über die gute Absicht des Spots -nämlich, sich seiner Verantwortung als mündiger Bürger bewusst zu sein- braucht an dieser Stelle nicht geredet zu werden. Jedoch scheint die Durchführung des Ganzen dann doch eher zweifelhaft. Virales Marketing hat die Absicht, über einen nicht augenscheinlichen Inhalt und einer entsprechende Aufmachung Interesse zu erwecken und sich so über die Zielgruppe(n) zu verbreiten. Der Kreativdirektor des NDR Guido Heffels erklärt:
“Werbung im Fernsehen ist klar zu erkennen als Werbung. Werbung im Internet ist, wenn sie gut gemacht ist, erst mal nicht sofort zu dechiffrieren als Werbung. Das heißt die Menschen treffen auf etwas, finden es interessant, finden es gut und schicken es weiter.” (Quelle: Medienmagazin ZAPP)

Und genau hier ist des Pudels Kern: Die Zielgruppe und das Unerkennbare. Es ist keine Neuigkeit, dass im Lande eine gewisse Politikverdrossenheit besteht. Entsprechende Analysen, welche sich mit der Wahlbeteiligung befassen, belegen dies deutlich. Die angesprochenene Zielgruppe versteht es kaum, sich mit dem politischen Tagesgeschäft zu identifizieren. Daher steht die Befürchtung im Raum, dass gerade diese, sich den ersten Teil des Videos zu Herzen nehmen und sich in der Absicht, die Wahl zu ignorieren bestärkt fühlen. Denn, dass die virale Botschaft mit einer weiteren Folge aufgelöst werden soll ist nicht ersichtlich.

Die Botschaft im amerikanischen Vorbild lautet: “Don’t vote… if don’t care about ….” Obgleich zunächst viral aufgemacht, lüftet das Video das Geheimnis, ohne dadurch weniger interessant zu wirken. Man nimmt es dem rund vierminütigen Spot nicht übel, dass es etwas dauert, bis sich die Sache aufklärt. Es stellt eine Bestärkung dar, sich seiner Rechte und der persönlichen Kraft bewusst zu werden, welche man in einer Demokratie hat.

Auch wenn die Macher des deutschen Pedants sicherlich beabsichtigten, über einen langen Zeitraum Aufmerksamkeit zu generieren, so dürfen sie sich dennoch fragen lassen, ob sie wirklich die Wirkung innerhalb der Betrachter bedacht haben. Darüber hinaus steht die Frage im Raum, ob es wirklich Sinn macht, ein Konzept in Variation auf den deutschsprachigen Raum zu übertragen? Fehlte möglicherweise der Mut zu einer völlig anderen Kreation?
Und: Ist man tatsächlich ein überparteilicher gemeinnütziger Akteur oder verfolgt man mit solchen Aktionen nicht doch eher die Interessen der Gruppe der Nicht-Wähler? Im letzten Fall wäre man dann tatsächlich marktorientiert!

Stellvertretend sei an dieser Stelle ein Kommentar eines Betrachters der Zielgruppe zu dem Spot wiedergeben:
“Das habt ihr ja superklasse hinbekommen. 1. Die Ironie, falls es eine geben soll ist nicht zu erkennen, das ganze ist weder lustig noch traurig es ist einfach egal. 2. Was hingegen traurig ist: Tendenziell werden wegen diesem Spot mehr Leute daheim bleiben die wählen wollten, als Leute wählen gehen die daheim bleiben wollten. 3. Hört endlich auf die deutschen Jugendlichen wie Primaten zu behandeln, dass sind denkende Menschen, die keine umgekehrte Psychologie brauchen um zum wählen motiviert zu werden, sondern dasselbe wie jeder andere: 1. Movtivierte Politiker 2. Klare Positionen vor, während und nach dem Wahlkampf, welche auch immer diese sein mögen. 4. Wenn ihr schon so etwas kopiert, dann wenigstens so, dass man nicht das Gefühl hat die deutsche “Wahlwerbung” wäre wie ein Penny Markt der Werbelandschaft: Billig! mannomann” (Quelle: politik-digital.de – Maximilian Schneider-Ludorff, am 23.07.2009 um 19:51 Uhr)

politik-digital.de kündigt für den 28.07.09 eine Pressekonferenz an, welche auch über das Netz betrachtet werden kann. Wir dürfen gespannt sein, wie sich die Initiatoren zu ihren Absichten und den inzwischen eingetroffenen Kritiken äußern werden.

Abschließend das amerikanische Original:

Quellen:
- politik-digital.de
- probono.tv
- ZAPP – Medienmagazin des NDR

Bildquellen:
- © Harald Wanetschka / PIXELIO
- youtube.com

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2 Kommentare

2 Kommentare to “Ich gehe nicht wählen!”

  1. Hannes Jähnertam 24. Juli 2009 um 11:57 1

    Hallo Ludger,

    ich bin kürzlich über den YouTube-Channel “OpenReichstag” auf die Videos gestoßen. Meine erste Reaktion war ähnlich wie wie die des zitierten Kommentars: Man könne das Ganze auch recht gut falsch verstehen.

    Bei genauerer Betrachtung aber komme ich zu dem Schluss, dass mit dem vermeintlichen Aufruf nicht wählen zu gehen und den im Laufe des Videos immer platter werdenden Argumenten dafür, durchaus eher zum Nachdenken angeregt wird, als dazu es “prominenten” nach zu machen.

    Sicherlich gibt es auch ein paar Leute, die sich in ihrer Ansichten, wählen gehen sei doof, bestärkt fühlen, doch duch den viralen Charakter der Kampagne halte ich es für wahrscheinlich, dass dieses Video zu Diskussion anregt. Auf welcher Ebene dies auch immer gechieht.

    Gruß
    Hannes Jähnert

  2. Ludger Brenneram 30. Juli 2009 um 21:12 2

    Hallo Hannes,

    wenn auch spät, aber an dieser Stelle eine Antwort auf Deinen Kommentar.

    Gerne möchte ich Deine optimistische Haltung teilen. Ich sehe jedoch zu dem amerikanischen Vorbild den entscheidenden Unterschied, dass bei der dortigen Wahl die Stimmung im Lande schon im Vorfeld sehr “aufgeheizt” gewesen ist. Virale Aktionen hatten einen erheblich günstigeren Boden.

    Eine Kampagne lediglich zu kopieren birgt ebenso das Risiko, dass sich der virale Charakter und die dahinterstehende Absicht ebenso schnell verbreiten und der gewollte Effekt damit buchstäblich verpufft.
    Ein Blick auf die Zahlen der Abrufe zeigt, dass das erste Video mit knappen 146.000 einen recht ansehlichen Erfolg zu verbuchen hatte. Das auflösende zweite Video kommt bei Youtube (Stand heute: 30/07/09) auf ca.44.000 Abrufe. Das ist definitiv nicht im Sinne einer viralen Kampagne.

    Erschwert wird das Vorhaben leider auch durch die Länge der Spots. Das Userverhalten ist hier zu Lande etwas anders als z. B. in den USA. Über eine Minute lang reden echte Promis und Doubles über ihre Absicht, nicht wählen zu gehen. Das hören und schauen sich in der Art der kopierten Aufmachung leider nicht alle User bis zum Ende an.
    Der Viraleffekt ist damit gefährdet und die Hoffnung, immer einfachere Argumentationen zu entlarven, schwindet daher auch.

    Ich hoffe sehr mit Dir, dass ausgiebig Diskussionen stattfinden werden. Im WWW ist mir da leider noch nicht viel begegnet.

    Lieben Gruß
    Ludger Brenner

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